April 2006 | Reportage - Berlin-Friedrichshain

Mach was, dann wird was

Berlin-Friedrichshain ist ein Kiez voller Kreativen, in dem die Arbeitslosigkeit dennoch hoch ist, und wo Läden sich oft nicht lange halten. Das Projekt »die Ladenhüterinnen Friedrichshain« will Strukturen vor Ort schaffen

Von Jens Thomas

Beate Klemm mit der Holzfigur

Beate Klemm mit dem Ladenhüterinnen-Logo in ihrer Buchhandlung.
Foto: Thomas

Die Frau mit der Brille will die DDR. »Das Kinderbuch von damals, das mit den Karikaturen, wie heißt es denn, kennen Sie das?«. Die Inhaberin des Buchladens »Lesen, und lesen lassen« weiß es gleich: »Ah, das Jugendsachbuch von Ulrich Plenzdorf, »Ein Land, genannt die DDR«, das von Klaus Ensikat illustriert wurde«. »Ja, genau das!«, bestätigt die Frau erfreut. Sie wirkt zufrieden, dann bezahlt sie und geht. Der nächste Kunde kommt.
Beate Klemm hat an diesem Freitagmorgen allerhand zu tun. Die 34-jährige Berlinerin aus Friedrichshain führt seit zehn Jahren eine kleine Buchhandlung in der Wühlischstraße, nahe der berüchtigten Kneipenmeile Simon-Dach-Straße und dem Boxhagener Platz. Vor kurzem musste die Mittdreißigerin ihren kleinen Laden sogar ausbauen. »Die Nachfrage ist groß«, klärt sie auf. Nun füllen ihre Bücher einen großen Raum aus, die sich in schicken, aufpolierten Holzregalen bis zur Decke stapeln.
An diesem Morgen fällt es schwer, ein paar Worte ohne Unterbrechung mit ihr zu wechseln. Ständig kommt jemand, und der Kunde ist König im Kiez, das weiß auch Beate Klemm. Klemm weiß auch, wie es in Friedrichshain Mitte der neunziger Jahre losging, als in der Simon-Dach-Straße die ersten Inhaber von Geschäften und Bars ihre Türen öffneten, auf Kundschaft hofften, zunächst aber eines besseren belehrt wurden. »Zu Anfang gab es hier nur zwei, drei Kneipen, und die ersten Geschäfte mussten wieder schließen«, erinnert sich die gelernte Buchhändlerin. Damals glaubte kaum jemand, dass der Kiez sich von seinem Hausbesetzerimage befreien könne und für den Tourismus öffnen würde. Heute dagegen ist kaum ein Gebäude mehr rund um den Boxhagener Platz frei von Gewerbetreibenden.
Auch die einst etwas verlassen wirkende Wühlischstraße hat sich mittlerweile in eine kundenfreundliche Einkaufschlendermeile verwandelt. Sie ist das Mittelstück im Kiezmosaik zwischen Simon-Dach-Straße und S-Bahnbogen Ostkreuz, wo nun peppige Platten-, Möbel- und Klamottenläden zum Kauf einladen. Aus dem ranzigen Friedrichshain ist eine bunte Ausprobierfläche geworden. Die Fluktuation ist dennoch groß. Viele kommen, gehen, die Kaufkraft ist gering. Läden halten sich deshalb oft nicht lange.

Kein feministisches Netzwerk

Klebende Schilder an zahlreichen Scheiben mit der Aufschrift »zu vermieten« verraten das. Sie prangern die geringe Kaufkraft im Kiez an und sie mehren sich, je weiter man sich von der Simon-Dach-Straße entfernt. In den letzten Jahren gründeten sich darum immer wieder Projekte wie die »Gründerbox M25« oder das »Ansiedlungsmanagement Boxhagener Platz«, um jungen Existenzgründern vor Ort auf die Berufssprünge helfen. Mit Erfolg: etwa 23 000 Gewerbetreibende gab es im Jahre 2000 in Friedrichshain-Kreuzberg, um die 34 000 waren es 2005. Friedrichshain ist der Bezirk mit der höchsten Zuwachsrate an »sonstigen Dienstleistungen«, wozu der Kulturbetrieb oder IT-Dienstleistungen gehören. Im Jahre 2005 gab es 20 300 Anmeldungen, 2000 waren es erst 12 700. Gerade kreative Gewerbe, zum Beispiel Designer- und Werbeagenturen, haben sich vermehrt niedergelassen.
Wo aber viele was wollen, ist auch die Konkurrenz groß. Das weiß auch Beate Klemm und gründete vor zwei Jahren das Netzwerk »die Ladenhüterinnen Friedrichshain«. »Wir wollen uns gegenseitig unterstützen, es ist eine Art emotionales Bündnis, um sich zu beraten, um nicht untereinander zu konkurrieren«, sagt sie. Die Ladenhüterinnen – das sind heute zehn Personen auf acht Geschäfte verteilt. Sie treffen sich regelmäßig, machen gemeinsame Aktionen wie etwa das Gestalten von Werbetüten mit einheitlichem Logo. Kunden des einen Ladens werden so auch auf die anderen Läden aufmerksam, Werbekosten sind zudem im Schnitt billiger, wenn auch sonst jede Unternehmerin finanziell alles alleine regelt.
Das Sortiment der Ladenhüterinnen reicht von Naturkost über Spielzeug bis hin zu intellektueller Lektüre. Die Unternehmerinnen profitieren natürlich von den Zuwanderungszahlen der letzten Jahre: denn nachdem das Einwohnermeldeamt Friedrichshain 1996 noch 103 102 Personen in Friedrichshain registrieren konnte, waren es 1999 nur noch 96 464. Heute sind es über 105 000.
Warum aber sind nur Frauen im Netzwerk der Ladenhüterinnen? »Frauen betreiben ihre Geschäfte anders«, findet Ladenhüterin Jana Gunia von Siebenschön. Ein feministisches Netzwerk sei man dennoch nicht, wie immer wieder geglaubt werde. »Männer führen mehr profitorientiert«, fügt Gabi Hartkopp von Dolly Rocker hinzu. Studien konnten immer wieder belegen, dass von Frauen geführte Unternehmen weniger auf Risiko setzen, langsamer wachsen, geringere Gewinne aufweisen, aber auch seltener Konkurs gehen als von Männern geführte Unternehmen. Frauen rücken mehr die Idee in den Mittelpunkt. So stellte die Volkswirtin Margarita Tchouvakhina fest, dass Unternehmen von Frauen im Schnitt eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit, die von Männern dafür häufig ein höheres Wachstum haben. Und immer mehr Frauen machen sich selbstständig, ihre Zahl stieg seit 1991 kontinuierlich an: Etwa eine Million Unternehmen werden in Deutschland mittlerweile von Frauen geführt.

Vom Kohleofenbezirk zur Erlebnismeile

Auch bei den Ladenhüterinnen ist die Idee das Zentrale, dennoch sei man kein antikapitalistisches Netzwerk. »Auch wir wollen und müssen Geld verdienen«, unterstreicht Klemm. »Im Grunde wollen wir Strukturen im Kiez schaffen«, sagt Ina Langenbruch von Dolly Rocker. In ihrer Kreativstätte in der Gärtnerstraße finden sich allerhand bunte, selbst gestaltete Anziehsachen für die Kleinen unter den Friedrichshainern: Sweatshirts, Strampelhosen, auch Kinderschuhe. Es ist gemütlich in ihrer Stube, und generell ist es bunt geworden im angesagten Friedrichshain der letzten Jahre. Zu DDR-Zeiten war der Kiez noch ein knochiger Arbeiterbezirk, er war geprägt von Industrie und klassischen Mietskasernen, obwohl die Gegend rund um den Boxhagener Platz nie den Status eines Arbeiterviertels hatte wie das Gebiet um den Ostbahnhof oder die Victoriastadt in Lichtenberg. In den 1880er Jahren wurde das Viertel einst aus dem Boden gestampft, innerhalb weniger Jahre wurde ein Straßenzug nach dem anderen auf die ehemals grüne Wiese gesetzt. In der Nazizeit hieß Friedrichshain »Horst Wessel Stadt«, alles sollte anders werden, im Kiez lebten um die 340 000 Personen. Zu DDR-Zeiten war Friedrichshain nahezu entvölkert, die meisten wollten nur weg aus dem rußigen Kohleofenbezirk, hin zu modernen Plattenbauten mit Fernwärme und Bad.
Nach der Wende wurde der Stadtteil zwischen Ost und West genau darum, wegen seiner rustikalen Altbauästhetik beliebt. Eine aus dem Westen strömende Hausbesetzerszene nutzte ihn durch die vielen leer stehenden Gebäude als Alternativ-Biotop. Alles hat sich verändert. Heute ist der Bezirk an der Spree ein bisschen zweigeteilt, im Norden Friedrichshains um den Bereich der Rigaer Straße ist die linke Szene noch immer beheimatet, sie hat besetzte Häuser in legale Wohnprojekte verwandelt, im Süden Friedrichshains konnte sich eine beachtliche Infrastruktur entwickeln: Universal Music residiert am Ufer zu Kreuzberg, mit dem Friedrichshain seit der Bezirksreform vor wenigen Jahren einen Bezirk bildet, der Krise trotzend in ehemaligen Lagerhallen des Osthafens, MTV sitzt gleich nebenan. Friedrichshain lässt hoffen, einen glauben lassen, es doch irgendwie schaffen zu können. Man kann hier älter werden ohne es zu merken, kann sein nachstudentisches Dasein ohne Peinlichkeit pflegen. Friedrichshain ist ein Erlebnisgarten, auch eine Konkurrenzspielwiese.
Friedrichshain aber hat bis heute vor allem eines nicht: eine Tradition. Der Stadtteil wird heute mehr oder minder von jungen Westlern gestaltet, er hat darum nicht mal etwas Berlin-spezifisches. Die Bewohner wissen meist wenig über die Geschichte des Viertels und viele glauben auch, dass sie bereits im Westen der Republik wohnen. Viele Westler stört es dann gar, dass der Kiez heute so überlaufen ist mit all seinen Schwaben und Hessen, obwohl sie es selbst sind, die ihn erst zu einem solchen Westmagneten machen.
Das heutige Friedrichshain mit seiner städtischen Struktur entstand erst mit der Neuordnung der Stadt Berlin in den 1920er Jahren, Läden mit generationenübergreifender Tradition aber gab und gibt es auch heute kaum. Die Ladenhüterinnen wollen das ändern. Sie vernetzten sich in einem Refugium von kreativen Pendlern, im Disney-Land der Billigmieten, das für Außenstehende gerade darum so interessant ist. Friedrichshain ist heute nicht nur der kleinste, auch der jüngste und dicht besiedelste Fleck in der Hauptstadt, eine poppige Zuwanderungsadresse, die dennoch abgescheuert daherkommt, Hundekot-Tretmine wie auch jugendliche Erlebnismeile für nächtliche Ausgehvergnügte ist. Die Arbeitslosenquote ist dennoch hoch: sie lag in Friedrichshain-Kreuzberg im Januar 2006 bei 28 Prozent (bezogen auf alle abhängig zivilen Beschäftigten). Damit hat der Bezirk die höchste Arbeitslosenquote in ganz Berlin mit einem Durchschnittswert von 21,2 Prozent. Das war auch der Grund für viele Ladenhüterinnen, ein Geschäft aufzumachen: einige waren arbeitslos, machten sich selbstständig. Finanziell scheint es nun zu klappen, auch wenn es mal Durststrecken gibt, wie Beate Klemm meint. »Aber das überleben wir schon, wir haben es ja die letzten Jahre auch geschafft.«

Quelle: Neues Deutschland (offline)